Unterwegs

Aktivistin aus dem grünen Salon

Von
Tania Lienhard

«Wer etwas aktiv verändern will, muss Verantwortung übernehmen und aber auch Fehler machen dürfen»: Claude Bühler.

Unterwegs mit Claude Bühler


Wir treffen uns vor dem Royal in Baden. Das Kulturhaus bedeutet Claude Bühler viel. «Es hat mich in meiner musikalischen Entwicklung geprägt», sagt sie, führt mich hinein und gleich eine schmale Treppe hoch in den Besprechungsund Büroraum. Dass sie sich jetzt, mit 33 Jahren, zum ersten Mal richtig angekommen fühle – nicht zuletzt bei sich selbst – habe auch etwas mit diesem Ort zu tun, an dem sie ihren allerersten Solo-Liveauftritt gehabt habe. Ich setze mich im schummrigen Licht des Raumes aufs Sofa und bitte sie, mir mehr über sich zu erzählen. Fotografin und Musikerin ist sie – das weiss ich natürlich. Aber wie tickt sie? Was ist ihr Antrieb, von ihrer Kunst leben zu wollen, auch wenn dabei oft nicht ganz klar ist, ob Geld am Ende des Monats übrigbleibt? Und warum wohnt sie, die Ostschweizerin, mittlerweile im Aargau? Sie sei schon immer vielseitig interessiert gewesen, auch als Kind, beginnt Claude Bühler. Habe viel gelesen und sich über Weltpolitik informiert. «Ich wollte Journalistin werden», lacht sie und fügt gleich an: «Aber aus verschiedenen Gründen habe ich nicht studiert, sondern das KV auf einer grossen Bank gemacht. Und begonnen, mich daneben ehrenamtlich in der Kulturszene zu engagieren, wie zum Beispiel mit meiner Arbeit beim Kulturlokal Mariaberg in Rorschach.» Etwas ungläubig schaue ich sie an. Welch Diskrepanz zwischen ihrer heutigen Tätigkeit und ihrer Ausbildung… Dass sie bei einem Finanzinstitut angestellt war, darauf wäre ich nicht gekommen. In meinen Vorstellungen bringe ich Bank und Kreativität nur schwer zusammen. Doch dieses für mich eher Unerwartete in ihrem Lebenslauf ist auch das, was Claude Bühler so interessant macht. Und doch sind meine Gedanken nicht ganz abwegig: Nach ihrer Ausbildung merkte sie ziemlich schnell, dass sie nicht auf ihrem Beruf bleiben, sondern andere Wege beschreiten wollte. Bei einem Gespräch mit einer Freundin kam sie auf die Idee, sich für den gestalterischen Vorkurs zu bewerben. Sie wurde angenommen und befand sich in einer anderen – ihr näheren – Welt. «Ich konnte zuerst gar nicht glauben, dass ich mich während dieser Zeit ausschliesslich all dem widmen konnte, was mir Spass machte», strahlt sie. Der nächste Schritt war logisch: ein Fotografie-Studium in Berlin. Logisch, weil sie sich schon als Kind von ihrem Taschengeld eine Kamera gekauft hatte. Der Umzug erst in die Stadt, dann ins Ausland bedeutete für die junge Künstlerin gleichzeitig das Entkommen aus der Enge des Dorflebens. «Schon sehr früh merkte ich, dass ich wegwollte.»

Zurück in der Schweiz begann Claude Bühler, in der Konzertveranstaltungs-Branche, im Kulturlokal Palace in St. Gallen, zu arbeiten. Und genau dieser Job war es, der sie schliesslich in den Aargau brachte: «Ich lernte einige tolle Leute aus dem Badener Royal kennen. Die Art und Weise, wie hier Kultur gelebt wird, hat mich sehr beeindruckt. Alles geschieht gemeinschaftlich, es ist eine schöne und echte Zusammenarbeit.» 2022 zog sie schliesslich hierher, wo sie im Moment für zwei Jahre das Mandat als Stadtfotografin innehat. Und wo sie sich musikalisch entfaltet. Mit einem Modular Synthesizer als Hauptinstrument kreiert sie Lieder und Melodien, die auch persönliche Themen verarbeiten. Wie ihr Ankommen bei sich und das doch ständig In-Bewegung-Bleiben, Weitergehen. Bis anhin spielte sie ausschliesslich für Live-Publikum. Das soll sich nun ändern: «Ich gebe im Juni 2025 meine erste EP mit dem Titel «Lakeside EP» heraus und möchte danach auf Tour gehen. Schweizweit und auch international», so Claude Bühler. Musik war lange vor ihrem ehrenamtlichen Engagement in Rorschach wichtig in ihrem Leben. Bereits als Kind brachte sie sich Klavierspielen selbst bei.

Wir sprechen viel über gesellschaftspolitische Themen und Claude Bühler argumentiert reflektiert und sachlich. Die Ruhe in ihrer Stimme erstaunt mich, gehe ich doch davon aus, dass sie sich über einiges, das sie selbst betrifft und ihr wichtig ist, sehr ärgern muss. Doch für sie beginnt die Veränderung der Gesellschaft im Diskurs. Und dass es einer Veränderung bedarf, davon ist sie überzeugt. Angefangen bei der Chancengleichheit der Geschlechter bis hin zu alternativen Landwirtschaftskonzepten, die die Umwelt schonen – sie hat sich diese Themen nicht nur auf die Fahne geschrieben, sie lebt sie auch. Zum Beispiel, indem sie vor einigen Jahren den «salon vert» gründete. Ein musikalisches Netzwerk für Flinta*-Personen. Die Verbindung zwischen Musikerinnen in der Ostschweiz sei dürftig gewesen. Das habe sie ändern wollen, sagt sie und bezeichnet sich in dieser Hinsicht als Kulturaktivistin. «Viele Kulturräume sind von Männern besetzt. Ich versuche, Möglichkeiten des Mitmachens für alle zu schaffen, ob in der Leitung von Kulturräumen oder im Kulturschaffen an sich. Ich habe eine Menge von mir in das Projekt reingesteckt. Wir tauschten uns über unsere Erfahrungen aus und machten Podcasts und Musik fürs Radio.» Dafür erhielt sie im Kanton Thurgau einen Förderpreis. Sie weiss ganz genau, was es bedeutet, Chancen für sich zu beanspruchen: «Wer etwas aktiv verändern will, muss Verantwortung übernehmen und aber auch Fehler machen dürfen. Doch Frauen wird genau das oft nicht zugestanden oder sie werden schnell dafür verurteilt, wenn mal nicht alles reibungslos klappt. Deswegen ist das Netzwerk salon vert auch so wichtig: Wir geben uns gegenseitigen Support und versuchen einen sicheren Raum für gemeinsames Lernen und Reflektieren zu schaffen.»

Zur Person

Claude Bühler, 33, Fotografin und Musikerin, lebt in Baden, wo sie derzeit auch das zweijährige Mandat als Stadtfotografin hat. Sie beschäftigt sich sowohl privat als auch in ihrer Kunst mit gesellschaftspolitischen Themen.