Flexionen des Alltags

SYMPATHISCH ORIENTIERUNGSLOS

Von
Eva Seck

Die Eva-Seck-Kolumne

In der Zeitung lese ich, dass junge Waldrappe anstatt in die Toskana, wo sie üblicherweise überwintern, nach Schweden geflogen seien. Die Jungvögel sind laut dem interviewten Biologen zielstrebig losgeflogen – allerdings in die falsche Richtung. Mehr als dreissig der jungen Waldrapp-Tiere seien in der Gegend um Salzburg gestartet und quer durch Deutschland geflogen, einige bis nach Dänemark und Skandinavien. Die dort lebenden Ornitholog*innen habe das in einen nie gekannten Erregungszustand versetzt, da ein wildlebendes Exemplar des Waldrapps zum allerersten Mal in Schweden gelandet sei. Hunderte, wenn nicht Tausende Vogelliebhaber*innen seien auf der Suche nach Waldrappen losgezogen, um diese zu beobachten: Waldrappe grüssten sich gegenseitig und manchmal sehe man sie, wie sie sich nach Hierarchie-Kämpfen Ästchen als Beschwichtigungsversuche übergeben. Für die jungen Waldrappe ergibt sich aber ein neues Problem: Viele der Altvögel (die den Jungvögeln die Route vorgeben) verbleiben länger als früher im nördlichen Alpenvorland, weil die Temperaturen länger warm sind und die Vögel weiter Nahrung finden. Spätestens im November aber verändert sich die Thermik in den Alpentälern. Die Vögel kommen nicht mehr so einfach auf die Flughöhe, die sie brauchen, um es über das Gebirge in den Süden zu schaffen. Sie versuchen es dann immer wieder und müssen die Aktion immer wieder abbrechen. Die Jungvögel seien im letzten Jahr besonders motiviert gewesen, zu migrieren und sind ohne die Alten losgeflogen – leider in die falsche Richtung.

Eva Seck (*1985 in Rheinfelden) schreibt Lyrik, Prosa und essayistische Texte. Ihr letzter Gedichtband «versickerungen» erschien 2022 im Verlag die brotsuppe in Biel. Sie lebt mit ihrer Familie in Basel.