Unterwegs

Über die Verbundenheit allen Lebens

Von
Tania Lienhard

«Schreiben bedeutet für mich einen anderen Zugang zur Welt und zu den Problemen»: Thomas Gröbly.

Unterwegs mit Thomas Gröbly

«Du darfst mich alles fragen!», gibt Thomas Gröbly mit einem herzlichen Lächeln zur Antwort auf meine Bitte hin, mir zu sagen, falls er über bestimmte Themen nicht sprechen möchte. Seine offene Art, die er auch im Umgang mit ALS, seiner sehr schweren, chronisch-degenerativen Erkrankung des zentralen Nervensystems, pflegt, wirkt erfrischend auf mich. Wir sitzen in der «UnvermeidBAR» in Baden und ich fühle mich in diesem Ambiente sofort wohl. Thomas Gröbly hat den Ort aus verschiedenen Gründen als Treffpunkt ausgesucht: Hier sei es ruhig, sagt er – dies, weil wir die tolle Location ausserhalb der Öffnungszeiten nutzen dürfen. Zudem gehöre die Bar seiner Schwägerin Stella Brunner und er kenne sie dementsprechend gut. Er wisse zum Beispiel, dass keine Hindernisse wie Absätze oder Treppen das Eintreten für ihn, der aufgrund seiner Erkrankung nicht mehr gut zu Fuss ist, zusätzlich erschweren würden. Aber da ist noch ein anderer, sehr wichtiger Grund, den ich im Laufe des Gesprächs herausfinde: Die «UnvermeidBAR» ist Thomas Gröblys Oase. Und hier, im zur Bar gehörenden Teatro Palino, finden am 28. Februar und 1. März Performance-Veranstaltungen mit seinen Gedichten unter dem Titel «Vom Skelett geküsst» statt. «Getanzte Texte, gesungen oder in Szene gesetzt» heisst es auf dem Flyer, den er mir in die Hand drückt. Fünf Tänzerinnen, dazu Percussion und Gesang, inszenieren ausgewählte Gedichte aus den vier Lyrikbänden, die Gröbly bereits veröffentlicht hat. «Im November war Premiere, und es war ein schöner Erfolg», erzählt er. «Es sind skurril-poetische Theaterabende.»

Ab und zu erwache ich mit einem Gedicht im Kopf

Ich merkte schon zuhause beim Lesen zweier seiner Lyrikbände, dass seine Krankheit, der er auch mit Hilfe der homöopathischen Behandlung seiner Partnerin seit neun Jahren schon trotzt und die ihn immer mehr beeinträchtigt, zwar durchaus eine Rolle spielt in einigen seiner Gedichte. Schonungslos und grundehrlich schreibt er dann seine Gedanken zu seinem Leben mit ALS nieder. Und er verfasst Gedichte über den Tod. Später wird er mir erzählen, dass er sich vor ihm nicht fürchtet. Was ich aber eigentlich sagen wollte: Seine Texte enthalten mehr als das – viel mehr! Es geht um das Leben an sich und um alles, was es zu bieten hat. Es geht um Nachhaltigkeit, um Natur, um Bäume, um Menschen und Tiere. Manchmal hält Gröbly uns in seinen Gedichten den Spiegel hin, manchmal lädt er uns ein, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Und manchmal wiederum haben seine Wortspielereien keine tiefere Bedeutung. Die Gedichte sind zuweilen abstrakt, etwas skurril, oft auch sehr witzig. Im Gegensatz zu seiner langen beruflichen Tätigkeit als Ethikdozent, bei der vor allem rationale Argumente im Vordergrund standen, lässt der 66-Jährige nun in seiner Lyrik die Emotionen sprechen. «Schreiben bedeutet für mich ein anderer Zugang zur Welt und zu den Problemen.» Oft inspiriere ihn der Alltag. «Ab und zu erwache ich mit einem Gedicht im Kopf», lacht Thomas Gröbly. «Und wenn mir ein besonders tolles Wortspiel gelingt, freue ich mich sehr darüber!» Als Kind habe er sich etwas schwer getan mit dem Schreiben und er habe erst später, im Jahr 2000, mit kreativen Texten angefangen. Dazwischen liegen eine landwirtschaftliche Lehre mit darauffolgenden Jahren im gelernten Beruf sowie ein Theologiestudium. Pfarrer habe er nicht werden wollen, deshalb entschied er sich, Ethik zu unterrichten. «Ich finde die Botschaft der Menschenliebe stark. Was mich aber immer gestört hat, ist die Idee des Menschen als Krone der Schöpfung und ich denke, Jesus hätte das nicht befürwortet», so Gröbly. Ein Satz, der auf den ersten Blick nicht zu einem studierten Theologen passt. Auch nicht zu einem Landwirt, finde ich. Aber eben nur auf den ersten Blick. Schon erinnere ich mich in diesem Zusammenhang an eines seiner Gedichte, das mir besonders gut gefällt: «Ich habe Schwein / als Menschlein / keine Sau zu sein / die massenhaft / in Massenhaft / für meinen Gaumen schafft / Während ich / natürlich mit Mass / ohne Gewissensbiss / meine Koteletts ess / habe ich Schwein / keine Sau zu sein.» Thomas Gröbly engagiert sich schon lange gegen die Massentierhaltung, das zitierte Gedicht ist eine fein ironisierte Kritik daran. Er, dessen neuster Lyrikband sich um Bäume und die Beziehung der Menschen zu ihnen dreht, spricht mit mir auch über die Verdinglichung der Menschen. Angestellte als «Human Ressources» zu bezeichnen, findet er absurd. Und er erzählt, dass er viele Bücher zu feministischen Themen gelesen habe. Er hinterfragt die kapitalistische Bewertung einer geleisteten Arbeit und sagt, dass man die geringe Wertschätzung Frauen gegenüber an den niedrigen Löhnen in sogenannten Frauenberufen sehen könne. Es geht Schlag auf Schlag, die Gesprächsinhalte wechseln – aber nur scheinbar. Denn über jedem Thema, das wir verhandeln – und das er in seinen Gedichten aufnimmt – steht die Verbundenheit allen Lebens als zentrale These, zu der sämtliche Fäden seiner Gedanken stets hinführen.

Zur Person 

Der Ethiker und Lyriker Thomas Gröbly (66) lebt in Baden. Er hätte am liebsten für alles stets eine Erklärung, muss sich aber mit dem Unerklärbaren seiner Krankheit abfinden. Und versucht das, indem er grandiose Gedichte wie dieses schreibt: «Meine Nichte / tut nachts / nichts / nicht weil sie / Nichte ist / sondern weil / nichts ihr / wichtig ist / aber nur / nachts».