«Dass die Vergangenheit mit einer Unendlichkeit von Geschichten aufwarten kann, hat mich schon immer fasziniert»: Demian Lienhard.
zvg
Unterwegs mit Demian Lienhard
Unser Austausch beginnt mit der Frage, wo wir uns getroffen hätten, wäre das Treffen zustande gekommen.
Der Schriftsteller Demian Lienhard schreibt schnell zurück: «Auf der grossen Schanze in Bern.» Lienhard ist Schriftsteller und Archäologe, wurde in Bern geboren, wuchs in Baden auf. «Nebst der Burgerbibliothek sind dort sozusagen das Gedächtnis von Stadt und Republik beherbergt», schreibt er und ist fasziniert von dem, was sich aus 800 Jahren Berner Geschichte auf 30 Regalkilometern noch finden lässt: «Es sind sozusagen die Brühwürfel der Geschichte.»
Ich wittere meine Chance und stelle – eher dem Archäologen – eine Frage, die mich schon lange beschäftigt, der ich aber nie nachgegangen bin: Sind die architektonischen Elemente im Sandstein der historischen Berner Bauten echt oder nur graviert?
«Beim letzten Mal, als ich in Bern gewohnt habe, befand sich meine Wohnung in der Altstadt. Auf der anderen Strassenseite stand ein Wohnhaus aus der Zeit um 1720.Bei der Betrachtung der beiden ionischen Halbsäulen fällt einem nach einiger Betrachtung auf, dass diese Halbsäulen konstruktiv keine solchen sind. Sie sind also nicht monolith, sondern gewissermassen aus den aus der Fassade heraus ragenden Enden der Quader herausgehauen. Die Halbsäulen sind also reine Kulisse, die eine Architektur und eine Statik imitieren, deren Funktion sie gar nicht erfüllen.»
Da dieses Portrait aber auf den Künstler Lienhard abzielen soll, reiche ich eine These nach: In seinem 2023 erschienen Roman «Mr. Goebbels Jazz Band» erzählt er dieGeschichte eines NS-Regime-Kollaborateurs, der W im zweiten Weltkrieg einen Jazz-Radiosender organisierte, der im Rahmen des Propagandakrieges nach England ausgestrahlt wurde. Die Sprache, welche er im Roman den Nazisverleiht, weckt keine Zweifel: Die haben genauso gesprochen! Ich frage Lienhard, ob ich ihm da wie den Berner Sandstein-Kulissen auf den Leim gehe.
«Vielleicht ist der Vergleich zur Sprache meiner beiden Romane gar nicht verkehrt: Beide Romane bedienen sich einer Kunstsprache, die sich wiederum zeittypischer Ausdrücke, Redewendungen, Wörter und Stilmerkmale bedient. Die Sprache ist somit keine aus der Zeit des Nationalsozialismus, aber sie soll die Illusion erwecken, dass sie eine solche sei.»
Für seinen ersten Roman bedient er sich der Sprache der offenen Drogenszene. «Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat» bringt ihm 2019 den Schweizer Buchpreis ein. Lienhard schreibt, er hätte mir in den Archivarien Dokumente gezeigt, in denen ein Vorfahre seiner Grossmutter, Andreas Wild, auftauche. Dieser war Reisläufer aus dem auslaufenden 15. Jahrhundert, dessen Kleid als eines der wenigen die Zeit überdauerte und so zum Vorbild etlicher Repräsentationen (u. a. in den Notizbüchern von Hodler) wurde. Aus weiteren Dokumenten kann Lienhard seine Feldzüge bis ins Piemont rekonstruieren und auch auf eine historische Verklärung der Persönlichkeit schliessen. Wir kommen nicht von ungefähr darauf zu schreiben, denn Lienhard schöpft für seine literarische Arbeiten aus historischen Quellen.
«Plötzlich wird aus einem winzigen Informationsteil eine detailliert rekonstruierbare Episode in einem Menschenleben vor 550 Jahren, und da, wo die Quellen aufhören, setzt dann die Phantasie ein.»
Diesem letzten Satz gehen wir nach und stellen uns der Frage, was literarische Freiheit bedeutet.
«Manche Menschen – Autor*inen gleichermassen wie solche, die sich ‹passiv› mit Literatur beschäftigen (Lesende, Journalist*innen etc.) – sehen das Benutzen von Quellen, an die man sich dann getreu hält (oder – dann aber ganz bewusst – davon abweicht), genauso wie literarische Formentscheidungen als eine Art Zwang, der Kreativität und Phantasie entgegenstehen. Ich wiederum sehe das anders. Die totale Freiheit im Künstlerischen führt oftmals zum Gegenteil dessen, was sie bezwecken soll. Ich jedenfalls habe das weisse Blatt immer eher als etwas Lähmendes empfunden. Entscheidet man sich aber für Eckpfosten, die man entlang des literarischen Wegs einschlägt – das kann eine vorher fixierteGeschichte sein, aber auch ein gewisser Stil, den man ein halten möchte –, sind diese die Fixpunkte, um die sichdie Phantasie entwickeln kann. Tatsächlich finde ich selbst auferlegte Zwänge für das Schreiben äusserst fruchtbar.»
Die Frequenz des Austauschs erhöht sich; der Umfang gleichermassen. Wir gewinnen an Tiefe, schreiben übers Handwerk als Mittel zur Freiheit; Lienhard schildert, wie er auf die beinahe hyperrealistischen Jugendwerke Dalís stiess, die davon zeugen würden, dass der Surrealist das Malerhandwerk beherrscht habe und dies seine Entscheidung, surrealistisch zu malen, bewusster gemacht habe, als wenn er sich von Anfang dafür entschieden hätte.
Der Stoff unserer Unterhaltung wächst an Fülle längst über die Vorgaben dieses Formats heraus und so beenden wir vorübergehend unseren Feldmarsch in die Poetik. Ich frage ihn, woher seine Vorliebe zur Geschichte komme:
«Ich bin von Kindesbeinen an zwischen Antiquitäten und alten Büchern aufgewachsen, und auch ich bin heute nicht ganz immun gegen die Sammellust. Dann hat mich aber schon enorm früh immer interessiert, woher ich(als Individuum) und wir (als Gesellschaft) kommen, und schon als Kind habe ich mich mit der Geschichte – damals vor allem der römischen – auseinandergesetzt. Dass die Vergangenheit mit einer Unendlichkeit von Geschichten aufwarten kann, hat mich schon immer fasziniert.»
Und da passiert ihm gerade das, was wahrscheinlich bezeichnend für seine Arbeit ist: Aus dem Historischen erwachsen Zusammenhänge, die er mit «wenigen Pinselstrichen» zu Erzählungen formt. Die Lust zum Erzählen übrigens verortet er teilweise in seiner Familie: «Bei uns wurde schon immer gerne und viel erzählt, auch wenn der Grossteil davon erstunken und erlogen war.»
ZUR PERSON
Demian Lienhard (*1987 in Bern) ist promovierter Archäologe. Er lebt und arbeitet in Zürich.